Die Geschichte vom Würfel

Die Geschichte vom Würfel

Ich trage ihn seit langem bei mir. Viele, viele Jahre. Und diese Zeit hat sich an ihm abgenutzt, Zeichen hinterlassen und andere abgewischt. Er ist immer noch derselbe und doch auch immer wieder neu und anders. Manchmal stört er und ist unbequem, aber dann ist er mir auch wieder eine Quelle der Weisheit und Heilung. Ich will euch erzählen wie er zu mir gekommen ist...

Heute würde ich sagen, ich war noch ziemlich jung, damals hätte ich das wohl ganz anders gesehen. Ich dachte, ich hätte verstanden, worum es im Leben ginge und lebte danach, strebte nach Ansehen und Wohlstand, aber auch nach Müssiggang und Genuss. Ich brannte für nichts, konnte mich aber durchaus erwärmen, ich war quasi lauwarm. Das ging ziemlich lange gut und ich lebte wie im Halbschlaf dieses halbe Leben und hatte nicht die geringste Ahnung davon. Es hätte so weiter gehen können, und es wäre nicht einmal schlecht gewesen. Aber dann sind mehrere Dinge geschehen, die alles geändert haben. Es kam die dunkle Zeit... Das Leben wollte es, dass meine Beziehung zerbrach, oder besser Sie wollte es. Jedenfalls war ich allein und das war auch erst einmal ganz Ok. Aber langsam kam der Gedanke auf, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte, weniger wegen des Alleinseins, eher ein Gefühl, das sich langsam, wie ein Splitter tiefer in mein Inneres schnitt, bis ich eines Tages erwachte mit dem Gefühl tiefster Sinnlosigkeit und Abscheu. Vor allem vor mir. Das besserte sich wenig und es wurde dunkel in meinem Leben. Ich verlor nach und nach alles, und fand auch nichts in mir, nicht wieder zu mir. Ich wandte mich zwar an Heiler und Schamanen (und Scharlatane), aber das Gefühl, schwächer zwar, aber immer doch da, blieb. Zu helfen vermochte niemand, bestenfalls sagte zunächst noch jemand, ich habe doch keinen Grund mich so zu fühlen und solle vielleicht mal mit dem Priester reden. Das tat ich auch, aber erst als ich schon alles verloren hatte. Welche Hilfe ich mir erhoffte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen, aber ich ging hin, redete, er hörte mir zu. Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges: Er beglückwünschte mich. Zu meinem Unglück, meiner Selbstverachtung. Meinte, dass sei selten, aber die beste Chance, im Leben die Kurve zu kriegen. Unnötig zu sagen dass es sich für mich ganz anders anfühlte. Aber das Reden tat doch gut und ich kam wieder. Die Gespräche wurden wichtig, und ganz von allein übernahm ich kleine Aufgaben für den Priester, zunächst kleine Handreichungen, eine Nachricht überbringen oder ein Gewand bei der Schneiderin abholen. Es wurde dann mehr und mein Leben bekam wieder Struktur. Das Gefühl aber blieb, schwächer zwar aber doch präsent. Bis ich Friedrich kennen lernte. Friedrich war bei einem Abendessen zu Gast, das der Priester für ein paar Freunde ausrichtete. Bei der Verabschiedung nahm mich Friedrich beiseite und fragte mich, ob ich die Zeit hätte, noch einen kleinen Spaziergang im Hain mit ihm zu unternehmen und zu reden. Was wenn ich nein gesagt hätte... Friedrich war Mitglied in Kreis von Menschen, die sich regelmässig trafen und über ihr Leben, die Belange der Welt, und manches mehr sprechen. Manchmal zogen sie sich auch zurück, in eine Art inneren Kreis, zu dem ich natürlich nicht gehörte. Noch nicht. Was soll ich sagen, ich weiss selber nicht mehr wie, aber mein leben kam aus der Schieflage. Es wurde ganz einfach besser und als ich endlich wieder mein Leben ohne fremde Hilfe zu führen vermochte, wurde ich in den inneren Kreis aufgenommen. Was ich dort erlebte und lernte, vielleicht werde ich ein andermal davon berichten. Nur soviel: Die dunkle Zeit endete, und sie führte mich in ein neues Leben. Aber ich schweife ab, wollte doch erzählen, wie dieser kleine Steinwürfel zu mir kam, den ich hier in der Hand halte. Das kam so. Ich hatte im inneren Kreis mehrere Jahre verbracht, vieles gelernt, noch mehr gelesen und wie ich hoffe, auch das ein- oder andere verstanden. Und dann kam das Ritual. Ich hatte in einer Kammer ohne Tageslicht im Schein einer Kerze einen Tag und eine Nacht allein bei Fasten und in Stille verbracht. Danach wurde ich in einen feierlich beleuchteten runden Raum gebracht und  in ein weites, helles Gewand gekleidet (in der Kammer hatte ich in einem ähnlichen aber dunklen Gewand gesessen). Auf einem altarähnlichen, grossen Steinblock lagen und standen verschiedene Gegenstände, in der Mitte aber waren Steine in einem Kreis angeordnet, und ein weiterer lag daneben. Nach all den Vorbereitungen wusste ich ungefähr, was auf mich zukommen würde, aber was Friedrich dann zu mir sagte war doch sehr besonders, so wie der ganze Moment besonders war. Die anderen Mitglieder des inneren Kreises standen im Hintergrund, Friedrich und ich zusammen vor dem grossen Stein als er zu mir sagte: "Heute ist dein Tag, es kann dein Geburtstag sein. Heute, jetzt und hier kannst du entscheiden, wer du sein willst, im grossen Zusammenspiel des schwierig-schönen Lebens. Wir alle hier haben uns dazu verschworen, unser Leben in den Dienst des Lebens zu stellen, was bedeutet, dass wir danach streben, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen. Den Menschen in ihren großen und kleinen Schwierigkeiten beizustehen. Ihren Streit zu schlichten, ihre Not zu lindern, das Große in ihnen zu stärken und dem Niedrigen mit Weisheit und Mitgefühl entgegenzutreten. Wer aber die Welt zum besseren wandeln will, muss dies zunächst in sich und mit sich tun. Seine Angst überwinden und zu seiner Stärke gelangen. Das hast du getan. Entscheide nun, ob du in den grossen Plan eintreten willst, wir sind die Bauleute einer neuen Welt, wir errichten den Tempel der Hoffnung und der Liebe. Unsere Leben sind die kleinen Steine in den Mauern dieses Tempels. Wir sind einzelne Steine, doch die gemeinsame Vision hält uns zusammen. Gerät einer ins Wanken, stützen ihn die anderen. Wir tun dies im Stillen, und wir erhalten dafür weder Lohn noch Anerkennung und auch keine Denkmale die der Zukunft von uns berichten. Wir tun es einzig, weil es unsere Bestimmung ist, weil wir uns diese Bestimmung gegeben haben. Und nun ist es an dir: Du kannst diese Bestimmung wählen, auf deine Weise und in aller Freiheit und wir werden für immer Brüder sein. Oder du wählst eine andere Bestimmung und wir werden für immer Freunde sein."  Mit diesen Worten nahm er den kleinen einzelnen Steinwürfel und legte ihn in meine Hand. "Leg deinen Stein zurück oder leg ihn in die Mitte des Kreises. Wähle, wer du sein willst." Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lange ich überlegt habe. Aber ich habe den Stein in die Mitte gelegt. Daraufhin traten alle anderen zu mir heran, legten mir stumm ihre Hände auf die Schultern, blickten mich an und ich spürte eine Energie und Verbundenheit, wie niemals zuvor. So standen wir lange. Dann traten alle an den großen Stein heran, nahmen ihre Würfel wieder an sich, was ich als letzter auch tat. Sie sprachen gemeinsam: "Dies ist unser Zeichen, unser Auftrag in der Welt, unser Kampf und unsere Bestimmung." und verliessen den Raum. Ich blieb allein zurück, liess nachwirken, spürte noch die Hände auf mir ruhen, bis Friedrich zurückkam. "Es wird Zeit für das Mahl, dein erstes, als Stein des Tempels, als Bruder unter Brüdern." Beim Hinausgehen sagte er dann noch: "Den Würfel in deiner Hand hat vor einiger Zeit der Priester gehalten und wieder neben den Kreis zurückgelegt, was ich damals bedauert habe. Nun hat sich gezeigt, dass auch er in seinem Inneren ein Stein geworden war."

So kam der Würfel zu mir, und nun meine Freunde, wisst ihr, warum ich diesen Stein habe und wohl auch, warum ich darüber mit euch spreche.

 

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